Sonntag, 11. Januar 2015

Grundprinzipien der Moderne

Europa wurde angegriffen, und damit auch Europas Werte der Demokratie und Freiheit, unsere Grundprinzipien der Moderne. Man mag bezweifeln, dass die „westliche“ Politik der Gegenwart perfekt ist, und selbst ich bin weit davon entfernt, aber ihre elementaren Eigenschaften halte ich für einen notwendigen Bestandteil, wenn wir weiterhin in einer friedlichen, freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft leben wollen.


Ein Feindbild ist schnell errichtet, einen Gegner kann man finden. Ob es der wahre Feind ist, wird selten angezweifelt. Ja, natürlich waren die Terroristen, welche am 7. Januar zwölf Redakteure der Zeitschrift Charlie Hebdo umbrachten, Muslime. Ihr heiliges Buch war der Koran, ihre Gebete galten ihrer Gottheit, nach Mekka gerichtet. Unschön war nur, dass sie ein paar Verse und Suren und einen imaginären Freund im Himmel höher schätzten als die Realität. Bitter für die Hinterbliebenen, dass ihnen Menschenleben weniger wert war als Schutz einer Religion vor Satire. Denn nichts anderes tat Charlie Hebdo: Karikaturen publizieren. Alles und jeder wurde dort seit Jahrzehnten auf die Schippe genommen; Politiker*innen jedweder Richtung, das Judentum, die verschiedenen Kirchen, der Islam. In Europa hat sich eine Gesellschaft der Toleranz etabliert, doch noch immer gibt es – und das nicht nur hier – vereinzelt Menschen, die sich offensichtlich ins Mittelalter zurück sehnen. Der Anschlag war feige, seine Motivation gilt es zu verurteilen, aber die Tat sollte nicht „gerächt“ oder „gesühnt“ werden. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“; würden wir diesem Grundsatz folgen, wäre die ganze Welt blind.
Wir sind offen und tolerant, also lasst uns das auch zeigen. Lasst uns nicht stigmatisieren und Menschen verurteilen, nur weil sie vielleicht die gleiche Religion haben wie jene Attentäter. Oder zufällig die gleiche Hautfarbe oder das gleiche Lieblingsessen. Wir dürfen unsere Mauern nicht wieder hochfahren oder die Tat zum Anlass nehmen, bedenkenswerte politische Ansichten durchzusetzen. Die 2006 eingeführte Vorratsdatenspeicherung konnte Frankreich nicht vor Anschlägen schützen, dennoch wird genau das wieder vermehrt auch für Deutschland gefordert. Und sogar die Pegida-Bewegung versucht das Ereignis schamlos für sich auszunutzen; ihre Nazi-Sprüche reißenden Anführer*innen sind der Ansicht, das linke Satire-Magazin und unsere demokratischen Grundwerte verteidigen zu müssen. Was für eine Ironie. Vielleicht hätte der eine oder andere doch mal die Zeitschrift näher in Augenschein nehmen sollen.

http://bit.ly/1tXDJFz

Wir bleiben zurück in Trauer, doch hoffentlich nicht in Angst. Wir lassen uns nicht unserer Freiheit berauben. Stéphane Charbonnier, ermordeter Zeichner von Charlie Hebdo, sagte noch vor gar nicht allzu langer Zeit: „Lieber sterbe ich aufrecht, als auf Knien zu leben.“
Für sein Schicksal, seine Werke und Taten so treffend; für uns so bedeutend.

http://bit.ly/1xRG7Nj

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